Rezension zu Keiichirō Hiranos "Das Leben eines Anderen"

"Ein Alter Ego des Autors Kei᾿ichirô Hirano gibt gleich in der Eröffnungspassage des Romans den Rahmen für das Erzählte vor. Der Literat begegnet am Tresen einer Bar einem Mann, der sich ihm zunächst unter falschem Namen vorstellt. Als der Gast erfährt, dass sein Gegenüber Schriftsteller ist, entschuldigt er sich und nennt die korrekten Angaben zu seiner Person: Er sei der Rechtsanwalt Akira Kido, Jahrgang 1975, und damit so alt wie sein Gesprächspartner. Jener Kido erscheint dem Autor als sympathischer, ruhiger und sensibler Mensch. Aus professioneller Perspektive nimmt er ihn als interessante Existenz wahr, die sich als Vorlage für einen Roman eignet [...]


Kei᾿ichirô Hirano schreibt mit Das Leben eines Anderen nicht den für ihn üblichen Detektivroman, sondern eher einen philosophischen Text zu Fragen der menschlichen Freiheit, der Glücksfindung jenseits sozialer Normen und der Bildung von Persönlichkeit und Charakter. Beteiligt an der Diskussion dieser Faktoren sind direkt und indirekt Spezialisten für die Natur des Menschen: ein Schriftsteller (fiktives Alter Ego des Verfassers), Rechtsanwalt (Kido), Bartender (Misuzu) und Psychologe (Gesprächspartner Kidos). Während der Anwalt juristische und rechtshistorische Aspekte der Integrität des Individuums beleuchtet, trachtet die Autor-Persona danach, „außergewöhnliche Menschen“ als Modelle für seine Arbeit aufzuspüren. Allerdings müssten sie „auch etwas an sich haben, was sie zum Sinnbild für Andere oder einer ganzen Zeit werden lässt, damit sie, durch die Fiktion geläutert, Symbolcharakter erhalten“. Mit diesen Vorgaben strebt der fiktive Schriftsteller eine Literatur an, wie sie für die Shôwa-Ära repräsentativ war: humanistisch-weltanschaulich mit existentialistischen Anklängen und auf die Erörterung der Conditio Humana ausgerichtet."












Lisette Gebhardt für literaturkritik.de, 11. Juli 2022


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