Inose Naoya – Should I fly?

Updated: a day ago

Zur Motivik des Post-Anthropozäns und einem verschwundenen Ich

von Claudia Schneider


Inose Naoya wurde am 27. Januar 1988 in der Präfektur Kanagawa in Japan geboren und lebt heute überwiegend in London. Er studierte bis 2012 in Tôkyô an der Tôkyô National University of Fine Arts and Music, wo er sich auf Ölmalerei spezialisierte. Seinen Masterabschluss (M.A. of Fine Arts) machte er 2017 am UAL Chelsea College of Art and Design. Seine Kunstwerke wurden mittlerweile, gemäß den Angaben seiner eigenen Homepage https://www.naoyainose.com/, in 38 Ausstellungen, vornehmlich in Tôkyô und London, präsentiert. "Romantic Depression": Themen und Motive Im Kontext zur Ausstellung „Romantic Depression“ vom 14. März bis zum 6. Mai 2020 im The Club in Tôkyô veröffentlichten der Künstler selbst sowie Lena Fritsch[1] jeweils ein Essay, welche auf der Homepage der Gallery zur Verfügung stehen und Einblicke und Gedanken in die Motive der Kunstwerke der Ausstellung bieten.


Als Vorbild und Inspiration benennt Inose Naoya den deutschen Maler und Vertreter der Romantik Caspar David Friedrich (1774 bis 1840) und dessen Talent, Trauer und Stille in romantischer Art und Weise zu visualisieren. Inoses Vorstellung von Romantik sei eigenen Angaben zufolge unweigerlich verknüpft mit den Begriffen Depression und Melancholie. Das zur Ausstellung gleichnamige Gemälde Romantic Depression sei unmittelbar mit den gemachten Erfahrungen im Rahmen einer Islandreise verbunden. Trotz der kargen, menschenleeren Weiten, frei von jeglichem Grün infolge intensivierter Abholzung und vorherrschender vulkanischer Aktivität[2] und damit verbundener wüstenartiger Eigenschaft der Insel, habe Inose eine tiefe Romantik empfunden (Inose 2020: 1).


Zur Verdeutlichung folgt die kurze Übersetzung eines Abschnitts aus dem japanisch-sprachigen Original des Essays: „Aber irgendwie verspüre ich in solchen Landschaften eine gewisse Romantik. Endzeitähnliche Landschaften sind häufig das Motiv meiner Kunstwerke, aber die Umgebung Islands war äußerst real. Die Umstände erscheinen vergleichbar mit der Situation der gegenwärtigen Menschheit zu sein. Insbesondere die Depression, als Vertreter einer Krankheit der gegenwärtigen Zeit, ist sicherlich mit solchen Landschaften eng verbunden. Irgendwie gleicht es einem Gefühl der Erschöpfung, dem Unvermögen zur Regeneration, so als würden sich Wolken im Inneren des Kopfes zusammenbrauen. Es ist eine farblose Landschaft“ (Inose 2020: 1). Die Bilderserie Dream Scapes, bestehend aus mehreren zweigeteilten Ölgemälden, jeweils unterteilt in ein Landschaftsbild im unteren und farbige Streifen im oberen Bildabschnitt, stünden für die Dreifach-Katastrophe von Fukushima. Die Bilderserie kritisiere das Vergessen, die farbigen Balken symbolisieren Ablenkung und den Versuch, sich wie ein Schleier langsam über das Ereignis und die Folgen auszubreiten und diese aus der Erinnerung der Menschen zu löschen (Inose 2020: 1). Als äußerst realistisch bezeichnet Lena Fritsch die Landschaftsmalerei von Inose Naoya. Klare Linien und Kanten, einsame Felsenlandschaften, sich erhebende weiße Monolithe inmitten der Landschaft, dominierende grau-grüne Farbtöne sowie die Abwesenheit jeglicher Andeutung von Geräuschen und Bewegungen vermitteln dem Betrachter eine maximal mögliche Stille. Der Großteil der Gemälde dieser Ausstellung suggeriert, mit Ausnahme einer Viererserie mit einem einsamen Pinguin, die Abwesenheit anderer tierischer oder menschlicher Lebensformen.


Seine Gemälde spiegeln die eigens bekundete Faszination für Vertreter der Romantik, wie C. D. Friedrich, wider. Bezüglich farblicher Komposition und Stil sieht Fritsch hier Parallelen zwischen beiden Künstlern, so beispielsweise gängige romantische Motivik wie Sehnsucht, Emotionen und die Verbundenheit zur Natur. Auch bezüglich des Titels der Ausstellung und einzelner Werke, könnte die Biografie von C. D. Friedrich potentiell eine Erklärung bieten. Parallel zu allegorischen Darstellungen des Todes litt der Künstler bekanntlich unter rezidivierenden depressiven Phasen mit negativer Beeinflussung der künstlerischen Kreativität. Inose gelinge es, die Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts in die Gegenwart zu transferieren, allerdings nicht wie sein Vorbild im eher religiösen Kontext, sondern im Hinblick auf aktuelle globale Themen wie etwa Klimawandel, Umweltzerstörung, die Erwärmung und Verschmutzung der Meere und extremere Wetterlagen (Fritsch 2020: 3). Als Fazit zur Ausstellung, übersetzt aus dem japanisch-sprachigen Original des Essays, formuliert Fritsch Folgendes: „Wie es der Titel der Ausstellung ‚Romantic Depression‘ bereits impliziert, werden uns [Anm.: dem Betrachter] keine Antworten vermittelt. Die gemalten trostlosen Landschaften in Inoses Gemälden evozieren ein anorganisches Endzeitgefühl und vermitteln die stille Verzweiflung nach einer heftigen Katastrophe. Oder es wird möglicherweise eine friedliche Renaissance einer Welt ohne die Menschheit angedeutet. Inoses Gemälde schwelgen nicht nur in romantischen Illusionen. Sie entsprechen auch den Umständen dieser Zeit, sie drängen uns, den gewaltigen Naturkräften mit Respekt zu begegnen, und sie empfehlen, die Beziehung zwischen Menschen und Natur ernsthaft zu hinterfragen (Fritsch 2020: 3). Analyse: "Vacation on the Blue" Landschaft und Natur, Naturgewalten, Endzeit, Romantik, Depression, friedlich, Stille, Umweltprobleme, einsamer Pinguin, kein Hinweis auf menschliches Leben, Monolith, Verzweiflung vs. Regeneration, Respekt, Appell: Wie im vorangegangenen Kapitel erläutert, beschreiben anhand dieser Begrifflichkeiten der Künstler selbst und Lena Fritsch die Motive der Gemälde der Ausstellung Romantic Depression im Jahr 2020. Die letzte aktuelle Ausstellung von Inose Naoya wurde vom 3. Juli bis 27. August 2021, ebenfalls in Tôkyô in der Galerie The Club, unter dem Titel „Vacation on the Blue“ präsentiert. Der zugehörige Ausstellungskatalog – inklusive kurzer Erläuterung des Künstlers, der Auflistung aller der insgesamt achtzehn ausgestellten Werke, eines kurzen Videos zur Ausstellung und der Möglichkeit eines 3D-Rundganges – kann auf der Homepage der Galerie eingesehen werden.[3] Inose erklärt die Motivik der Ausstellung hier folgendermaßen: „This exhibition mainly introduces works that include the image of a pool (water). I have painted the motif with various metaphors in mind, sometimes as a symbol for Japan, and at other times, indicating life and death, silence, and the like. [...] Through this exhibition, I want to offer the visitors an opportunity to deal with their reluctance to go on vacation due to the Covid-19 pandemic, and satisfy their wish through an imaginary experience instead. A vacation with family, friends, and significant others. Not only do humans need such a thing, but the earth may also need a break. Vacations are essential. They help us, and the earth alike, to get started anew and recover“ (Inose 2021).

Das von Inose benannte Pool-Motiv existierte in dieser Ausstellung nicht nur in den Gemälden, sondern wurde, wie im Video und im 3D-Rundgang zur Ausstellung auf der Homepage gut sichtbar, in der Mitte des Ausstellungsraumes in Form eines realen Pools implementiert. Die Ausstellung entspricht ergo einem Installationskunstwerk. Entsprechend dem Thema Pool bzw. Wasser existiert die Farbe Blau in jedem der achtzehn ausgestellten Werke. Da Inose, wie erläutert, auch die Epoche der Romantik als Inspiration betrachtet, muss an dieser Stelle auf die Besonderheit der Farbe Blau in der Malerei dieser künstlerischen Epoche verwiesen werden. Der Kunsthistoriker Dietmar Schuth formulierte hierzu Folgendes:


„Das ehemals rein religiöse und göttliche Blau des Himmels wurde zu einem anthropozentrischen, individuellen, subjektiven und wahrnehmungspsychologischen Erlebnis, das als Phänomen der psychischen Ferne und der Sehnsucht an sich begriffen wurde“ (Schuth 1995: 16). Bei der Auswahl von drei Bildwerken für eine genauere Bildanalyse, dienen die anfangs des Kapitels benannten Themen und Motive aus einer früheren Ausstellung als mögliche Kriterien. Da es sich bei jedem Bildwerk um eine Form der Landschaftsmalerei handelt sowie die Abwesenheit menschlichen Lebens elementar ist, müssen andere Merkmale zur Auswahl herangezogen werden. Interessant erscheint hierbei vor allem der Ausblick, den Inose zu vermitteln versucht. Durch gegensätzliche Motive, wie die von Fritsch beschriebene Verzweiflung aber auch Regeneration, schafft der Künstler einen Ausblick in eine eher ungewisse Zukunft fraglicher Entwicklung. Aufgrund dessen fiel die Wahl innerhalb der insgesamt achtzehn Ausstellungsstücke auf zwei völlig gegensätzliche Landschaftsdarstellungen: Vacation on the Blue und An Amusement Park. Bei der Auswahl eines dritten Ausstellungsstückes fiel die Wahl auf Should I fly?, ein Gemälde, welches das Motiv des Pinguins aufgreift, der scheinbar als reflektierendes Subjekt die menschliche Perspektive ersetzt. Vacation on the Blue Perspektivisch betrachtet man die Szenerie frontal und leicht von oben herab aus einer Art Vogelperspektive. Die gemalte Landschaft wird klar strukturiert in zwei Bereiche unterteilt. Das Auge des Betrachters wird unweigerlich auf die dezente und dennoch kräftige Farbgebung des oberen Bildteils gelenkt. Der gemalte Himmel erstrahlt in zarten Blautönen, ebenfalls der in Blautönen dargestellte rechteckige Pool, welcher von einem üppigen grünen Wald umsäumt wird. Ein detailliert gemalter Gebirgszug bildet eine natürliche Grenze zwischen bewaldetem Poolareal und Himmel. Der untere Bildteil suggeriert dem Betrachter, in welchem Gebiet der Pool ursprünglich lokalisiert gewesen sein muss. Zu erkennen sind die Ruinen mehrstöckiger Gebäude. Somit scheint der Pool ursprünglich Bestandteil einer Dachterrasse eines Hochhauses gewesen zu sein. Unterhalb des Pools, links-mittig im Gemälde, rauscht ein Wasserfall zwischen den verfallenen Gebäuden in die Tiefe. Mit Ausnahme der Waldfläche wird keinerlei Lebensform abgebildet. Die gemalten Lichtverhältnisse verstärken die Zweiteilung der Landschaft zusätzlich und lenken die Blickführung in Richtung des Hauptmotivs (von Wald umsäumter Pool). Das Licht kommt von rechts oben und verläuft diagonal zum linken unteren Bildrand. Die Lichtintensität ist im oberen Bildbereich ausgeprägt, nach unten rechts Richtung Ruinen deutlich schwächer werdend, nur die oberen Stockwerke der verfallen Gebäude werden noch vom Lichtstrahl erfasst.

Bis auf das visualisierte Rauschen und die Fließbewegung des Wasserfalls, dominiert die Abwesenheit von Geräusch und Bewegung das Landschaftsbild, quasi die von Fritsch beschriebene Stille. Die gängigen romantischen Motive der Sehnsucht und Naturverbundenheit sind deutlich zu erkennen. Wie angesprochen, möchte Inose durch das Wasser gleichsam Leben und Tod symbolisieren. In Vacation on the Blue könnte das Wasser für beides stehen. Der von Wald umsäumte Pool repräsentiert das Leben, welches durch Wasser entsteht und die Regeneration oder Erneuerung der Natur bzw. der Vegetation positiv begünstigt. Das visualisierte schöne Wetter, mit strahlend blauem Himmel ohne Andeutung eines nahenden Sturms oder Unwetters, verstärkt den gemalten Erholungseffekt zusätzlich. Der Wasserfall hingegen forciert als zerstörerisches Element den Verfall der (noch) sichtbaren Ruinen. Die Kraft des Wasserfalls in Kombination mit der Licht- und Blickführung Richtung Hauptmotiv, erinnert ein Stück weit an das Motiv des Vergessens aus der Dream Scape-Bilderserie von 2020. Wasserfall und Lichtführung erzeugen hier einen ähnlichen Effekt wie die farbigen Streifen, sie legen sich langsam über den Abschnitt, der bereits verfällt und über kurz oder lang vermutlich in Vergessenheit geraten könnte.


Da innerhalb dieser Landschaft nichts auf menschliche Existenz hinweist und die Überreste anthropogenen Wirkens langsam verfallen und in gemalter Bedeutungslosigkeit verschwinden, kann Vacation on the Blue durchaus als post-anthropogenes Bildwerk betrachtet werden. Der dargestellte Ausblick für die Natur ohne weitere Einflussnahme des Menschen ist durchweg positiv, die Hauptmotive sind somit, unterstützt durch den Werkstitel, Regeneration und Erholung. An Amusement Park Der Blick wird frontal auf die verfallene Front eines mehrstöckigen Gebäudes gelenkt. Linksseitig schiebt sich ein weiteres mehrstöckiges Gebäude, mit Balkonen auf jeder Etage, ins Blickfeld. Die Ruinen sind in tristen Grautönen gehalten. An der Außenfassade des linksseitigen Gebäudes hebt sich eine kleine rechteckige leuchtend blaue Fläche vom Grau der Umgebung deutlich ab. Es handelt sich hierbei augenscheinlich um das Pool-Motiv, visualisiert in Form eines Graffitis. Wie schon zitiert, betont Inose, dass dieses Motiv in jedem Gemälde der Ausstellung, wenn auch in unterschiedlicher Weise, Verwendung findet. Im unteren Drittel des Gemäldes brechen Wasserfälle von beiden Seiten herein, welche sich etwas rechtsseitig von der Bildmitte aus zu einem großen Wasserfall vereinen. Die Gebäude liegen größtenteils im Schatten. In der linken oberen Bildecke ist ein kleines Stückchen blauer Himmel zu sehen, von dort aus zieht sich ein schmaler Lichtstreifen diagonal Richtung Wasserfall zum rechten unteren Bildrand. Das Gebäude in Frontalansicht wird hierdurch partiell erleuchtet. Auffallend ist die völlige Abwesenheit von Lebensformen und Vegetation jeglicher Art. Der Titel des Bildes wirft Fragen auf. Mit einem Ort des Vergnügens hat die dystopisch anmutende Szenerie beim Betrachten nichts gemein, möglicherweise handelte es sich zu einer früheren Zeit um einen belebten und sehr lebendigen Ort, vielleicht das Vergnügungsviertel einer größeren Stadt? Die Nahperspektive wirkt beklemmend, bedrohlich und verstärkt die Dystopie zusätzlich. Es handelt sich offenbar um jene Art von farbloser Landschaft, die Inose, wie erwähnt, als eng verknüpft mit den Motiven von Hoffnungslosigkeit und Depression versteht. Das Motiv erzeugt, im Gegensatz zu Vacation on the Blue, einen eher negativ anmutenden Ausblick in eine Zeit nach dem Anthropozän. Zentrale Motive sind Verfall, Zerstörung, erneut forciert durch das Symbol des Wassers, und Tod. Klar sichtbare Motive der Regeneration sind nicht visualisiert.


Gemalte Hoffnungslosigkeit ist das Gemälde trotz allem nicht zur Gänze. Durch das kleine Stück des blauen Himmels sowie den in Form eines Graffitis gemalten Pool suggeriert Inose, dass Hoffnung besteht. Der Betrachter sieht lediglich einen Ausschnitt, die verfallenen Gebäude aus nächster Nähe. Was sich dahinter, darunter oder darüber verbirgt, bleibt der Vorstellungskraft überlassen. An Amusement Park ist somit als Anregung oder Appell – an den (noch existierenden) menschlichen Betrachter – zu verstehen, die eigenen Verhaltensweisen und die Beziehung zur Umwelt zu reflektieren und zu verbessern. Should I fly? Im dritten und letzten ausgewählten Bildbeispiel aus Inose Naoyas Ausstellung, Should I fly?, nimmt er den Betrachter mit in eine Unterwasserlandschaft. Entsprechend dominieren Blautöne die Szenerie. In der Bildmitte am Meeresgrund befindet sich abermals das Hauptmotiv der Ausstellung, der rechteckige Pool. Der den Pool umgebende Meeresboden ist überwuchert mit Seegras. Hinter dem Pool erhebt sich eine flache Felsenlandschaft. Im rechten oberen Bildbereich befindet sich ein dem Pool zugewandter Pinguin, aufsteigende Blasen deuten eine schwimmende Bewegung in Richtung des Pools an. Die einzige angedeutete Lichteinwirkung befindet sich in der linken oberen Bildecke, zu erkennen anhand der das Licht reflektierenden Wellen. Ansonsten wirkt die Wasseroberfläche ruhig und glatt.


Wie bereits zitiert, symbolisiere der Pool bzw. das Element Wasser nicht nur das Leben und den Tod, sondern in einigen Werken stünde er symbolisch für Japan. Möglicherweise möchte Inose durch das Unterwassersetting die Memoria an die Dreifach-Katastrophe von Fukushima aufrechterhalten, ähnlich, wie er durch die Dream Scape-Bilderreihe das Vergessen dieses Ereignisses kritisiert. Vielleicht steht die Unterwasserlandschaft auch für ein potentiell zukünftiges Japan, bedroht durch Klimaerwärmung, schmelzende Polkappen, sich erwärmende Meere und steigende Meeresspiegel. In dem Fall appelliert das Gemälde an das erläuterte Moment des Respekts vor Naturgewalten.


Entsprechend der Welt Inoses ist auch in Should I fly? kein Raum für die Visualisierung menschlichen Lebens. Es handelt sich somit auch hierbei um die Darstellung einer post-anthropogenen Szenerie infolge eines verheerenden Ereignisses. Der Pinguin spielt hierbei eine zentrale Rolle. Allein seine im Vergleich zum beinah lächerlich jungen Homo Sapiens wesentlich längere Daseinshistorie, deklariert ihn zum besseren Anpassungs- und Überlebenskünstler.


Wie schon der Philosoph Wolfgang Welsch in einem Essay auf Künstler verwies, die widerstandsfähige und mutierte Lebensformen in Szene setzen, die den Menschen höchstwahrscheinlich überdauern würden, oder die Philosophin Rosi Braidotti, welche die anthropozentrische Stellung des Menschen bereits im Anthropozän hinterfragt, überdauert auch Inoses Pinguin hier den Menschen. Der Titel des Gemäldes, im Hinblick auf ein heute (noch) flugunfähiges Tier, kündigt hierbei eine Veränderung bzw. eine eventuell einsetzende neue Stufe in der Evolution an. Should I fly? steht somit möglicherweise sinnbildlich für eine Welt nach dem Menschen, jedoch nicht für das Ende der Welt selbst und greift somit erneut auf das hoffnungsvolle Motiv der Regeneration zurück.

Literaturverzeichnis


Ausstellungskataloge [online] (zuletzt besucht: 18.11.2021):

- Inose Naoya: Vacation on the Blue, 3.7.-27.08.2021, Tôkyô.

http://theclub.tokyo/en/exhibitions/inose2021/

- Inose Naoya: Romantic Depression, 14.3.-9.5.2021, Tôkyô.

http://theclub.tokyo/en/exhibitions/InoseView/


Braidotti, Rosi (2013): The Posthuman. Cambridge: Polity Press.


Fritsch, Lena (2020): In Dialogue with Nature [online].

http://theclub.tokyo/assets/img/16/CatalogueEssays.pdf (zuletzt besucht: 18.11.2021).


Inose, Naoya (2020): Romantic Depression [online].

http://theclub.tokyo/assets/img/16/CatalogueEssays.pdf (zuletzt besucht: 18.11.2021).


Schuth, Dietmar (1995): Die Farbe Blau – Versuch einer Charakteristik. Münster: LIT.


Welsch, Wolfgang (2020): „Nach dem Ende des Anthropozäns“. In: Kunstforum International, Bd. 265 (Jan/Feb2020), S. 174-191.

[online] https://www.kunstforum.de/artikel/nach-dem-ende-des-anthropozaens/ (ohne Seitenangaben in der Online-Ausgabe), (zuletzt besucht: 29.9.2021).


[1] Curator of Modern & Contemporary Art at the Ashmolean Museum (University of Oxford). [2] Der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) zufolge beträgt die vorherrschende Bewaldung Islands gerade noch 0,5%. [3] http://theclub.tokyo/en/exhibitions/inose2021/.



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