Murakami Ryû in den 2000er Jahren

Updated: Feb 19


Geopolitische Szenarien, wütende Untergangsphantasien


von Damian David Jungmann


Murakami Ryû 村上龍 (*1952) zählt spätestens seit den frühen 1980er Jahren zu den erfolgreichen Bestseller-Autoren seiner Generation. Die Erschließung seines literarischen Werkes durch Übersetzungen in westliche Sprachen – wenn man einmal von seinem kontroversen Debütroman Kagirinaku tômei ni chikai burû 限りなく透明に近いブルー(1976; dt. Blaue Linien auf Transparenter Haut, 1987) absieht – lief dennoch eher zurückhaltend an. Erst in den letzten Jahren haben es einzelne Schlüsseltexte auf den deutschen Buchmarkt geschafft.[1]


Mit Hantô wo de yo 半島を出よ (2005; dt. „In Liebe, dein Vaterland“, 2018-19), der in diesem Beitrag näher beschrieben werden soll, ist im Septime Verlag kürzlich ein zweiteiliger Roman Murakamis erschienen, der der Kategorie der Dystopie zuzurechnen ist. Auch dieser Text nimmt sich als möglicher Wendepunkt aus, handelt es sich dabei doch um einen für ihn bislang ungewöhnlichen Genre-Mix, der beständig zwischen politischem Thriller, kritischem Gesellschaftskommentar, Wirtschaftskrimi und Action-Literatur zu oszillieren scheint. Der Roman wurde mit dem Mainichi-Kulturpreis und dem Noma-Preis für Literatur ausgezeichnet und bekam so eine gewisse Aufmerksamkeit innerhalb der japanischen Literaturkritik. Die Stärke bezieht der Text aus der von Murakami akribisch aufgebauten Kohärenz seiner auf den ersten Blick doch eher überzogen anklingenden Prämisse einer Invasion Japans durch Nordkorea. Doch viele der wirtschaftlichen und geopolitischen Konflikte, die Murakami in seinem über eintausend-seitigen Roman anschneidet, sind bis heute hochaktuell und so für den Leser nachvollziehbar geblieben.[2] Doch auch wenn sich das explosive Potential des Textes auf den ersten Blick nur auf der Grundlage des externen Konflikts mit den nordkoreanischen Invasoren entfaltet, handelt es sich genau genommen um eine Introspektive, die das zwiespältige Verhältnis des Autors zur japanischen Nachkriegszeit in den Mittelpunkt rückt. Erst auf den letzten Seiten des Romans – der Text weist gleich mehrere Epiloge auf – wird dieser innerjapanische Konflikt ganz offenbar: Dass nationale Politik und lokale Interessen oft nicht vereinbar sind und dass die Spaltung im Land viel tiefer ist, als ein oberflächlicher Blick es vielleicht vermuten ließe.


Nationale Konflikte, lokale Interessen


Wie tief diese Spaltung sein kann und wie früh diese Konflikte sich bereits offenbart haben, lässt sich an einer Jugenderfahrung Murakamis, auf die er selbst immer wieder hinweist, exemplifizieren: Als am 16. Januar 1968 der Flugzeugträger USS Enterprise in den Hafen der Kleinstadt Sasebo einlief, entlud sich die ohnehin aufgeheizte Stimmung im Lande in gewaltsamen Protesten, denen die Sondereinsatzeinheiten der japanischen Polizei sogleich mit äußerster Härte begegneten. Studierendenvertretungen aus ganz Japan zogen nach Sasebo und deuteten die vielen kleinen Konflikte um lokale Interessen in der Küstenregion von Nagasaki mit dem US Militär als weiteren Baustein im großangelegten Kampf gegen eine rechtsnationale Konservative in Japan, die in den USA einen alternativlosen Bündnispartner sahen, um. Zahlreiche Vietnamkriegsgegner aus dem ganzen Land formierten sich, um sich erneut gegen die vertraglich festgeschriebene Duldung und stille Unterstützung eines weiteren Krieges in Asien durch die japanische Landesregierung zu positionieren. Was ursprünglich als Konflikt einer Provinzgemeinde gegen die Nutzung ihres Marinehafens und gegen die Nutzung fruchtbarer Ländereien durch das US-Militär anfing, erlebte in den Tagen rund um das Einlaufen der USS Enterprise eine diskursive Umdeutung auf landesweiter Ebene. Die Befürchtungen, dass in einem solchen Klima lokale Interessen von den seit Jahren anhaltenden Kämpfen der japanischen („neuen“) Linken gegen die Verlängerung des US-Japanischen Sicherheitsvertrages – die so genannten Anpo-Kämpfe – und mannigfaltigen Bürgerbewegungen vollständig überlagert würden, waren so gesehen nicht ganz aus der Luft gegriffen.


Murakami wurde 1952 in eben dieser Provinzstadt auf Kyûshû geboren, dem Jahr, an dem die Besatzung der japanischen Inseln unter General Douglas MacArthur offiziell beendet wurde. Doch der lange Schatten, den die Besatzungszeit noch über Jahrzehnte warf – diskursiv, in Form einer weitreichenden und nachhaltigen „Amerikanisierung“, aber auch gegenständlich, durch die Präsenz des US Militärs auf den japanischen Inseln – ist durch Ereignisse wie die heftigen Straßenschlachten in Sasebo immer wieder sicht- und auch greifbar geworden. Den Protesten der Studierenden und Aktivisten selbst stand Murakami, noch Schüler und gerade 15 Jahre jung, durchaus sympathisierend gegenüber. Gleichwohl, auch wenn die Proteste und der ganz offene Antiamerikanismus sein politisches Denken und Handeln prägten, seiner großen Bewunderung für die amerikanische Populär- und Gegenkultur tat all dies keinen Abbruch: Murakamis ambivalentes Verhältnis zu den USA war denn auch, vielleicht wenig überraschend, stets Gegenstand seiner Literatur. In seiner Coming-of-Age Liebeskomödie 69 sixty-nine (1987) wird der Zwischenfall um die USS Enterprise nur eher beiläufig erwähnt, einer konkreten Sinnzuschreibung durch sein literarisches Alter Ego Yazaki Kensuke – es handelt sich um einen autobiografisch angehauchten Text – verweigerte sich Murakami seinerzeit noch.


Vielleicht ist es der zeitliche Abstand, der es Murakami nun erlaubt, sich Themen wie diesen zu Beginn der 2000er Jahre mit einem beinahe radikal-prophetischen Pathos zu widmen. War Murakamis Literatur in den 1990er Jahren ausgerichtet auf eine unterhaltsame Thriller-Literatur, die mit Bildern von sozialen aktuellen Missständen und einer eher seichten Gesellschaftskritik unterfüttert worden war, so erfindet sich der Autor zu Beginn der 2000er Jahre neu. In Zeiten der politischen und wirtschaftlichen Depression nach dem Platzen der Seifenblasenwirtschaft und den schmerzhaften Erfahrungen einer viel diskutierten „Verlorenen Dekade“ (ushinawareta jûnen 失われた十年) wurde das vernichtende Profil einer sich im Untergang befindlichen Nation in der Bevölkerung und den Massenmedien mit einer gewissen Ernsthaftigkeit aufgenommen.


Untergangsfantasien


Vor diesem Hintergrund entwirft Murakami in dem Roman den unaufhaltsamen Niedergang einer Nation. Japan, so erfahren wir es aus der Perspektive des Obdachlosen Nobue, der in einer gigantischen Obdachlosensiedlung außerhalb von Yokohama lebt, hatte zu Beginn der 2000er Jahre einen wirtschaftlichen Zusammenbruch erlebt. Die einstige „Mittelklassegesellschaft“ war von der Regierung enteignet worden und inzwischen komplett verarmt. Banken und Unternehmen gingen bankrott, die Arbeitslosenzahl und die Selbstmordrate stiegen dramatisch an und überall im Land entstanden Obdachlosensiedlungen.[3] Diejenigen, die sich noch irgendwie über Wasser halten können, seien kraft- und antrieblos, eine Besserung der Lage sei nicht in Sicht. Der einstige Bündnispartner Japans, die USA, ist nach zahlreichen Kriegen im Nahen Osten selbst in einer schwierigen Lage und verschärft Japans Situation zusätzlich durch Wirtschaftssanktionen, durch lukrative Rüstungsexporte in die Volksrepublik China und durch die Unterzeichnung eines Nichtangriffspakts mit Nordkorea. Japan steht wirtschaftlich und politisch isoliert da, eine ungewohnte Schwäche, die die umliegenden Nachbarstaaten nun für sich nutzen wollen. Und so entwickelt der nordkoreanische Geheimdienst einen Plan, Japan nicht nur anzugreifen, sondern auch zu demütigen:[4] Ein kleines Sonderkommando wird unter einem Vorwand nach Japan geschickt, um bei einer Sportgroßveranstaltung Geiseln zu nehmen und die japanische Regierung vor ein unlösbares Dilemma zu setzen: soll die eigene Bevölkerung bedingungslos geschützt werden, oder verhindert man um jeden Preis eine großangelegte Invasion der südlichen japanischen Inseln. Die Entscheidung fällt in Murakamis Erzählung wenig überraschend aus: Die Zentralregierung in Tôkyô entscheidet sich für die komplette Isolation der Region Fukuoka, wo das koreanische Sondereinsatzkommando seine Zentrale aufgebaut hat, und überlässt die Menschen dort ihrem Schicksal.


Viele Stärken, die Murakamis Literatur seit jeher auszeichnen, kommen in dem von dem Autor groß angelegten zweiteiligen Roman wieder zur Entfaltung. Doch der Fokus ist breiter, es geht nicht nur um das individuelle Empfinden einzelner von der japanischen Gesellschaft Ausgestoßener, die nun ihre Aggression gegen die von ihnen so verhasste angepasste gesellschaftliche Masse auszuleben drohen, sondern beleuchtet den hier durchexerzierten Konflikt um die Zukunft (und das „Wesen“) Japans – und um nichts weniger geht es Murakami hier – aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Politiker, Journalisten, Geheimdienstmitarbeiter, nordkoreanische Soldaten, jugendliche Aussteiger, prekäre Existenzen: Murakami fährt ein für seine Verhältnisse ungewöhnlich großes Personenregister ins Feld. Manchmal droht der Text so seinen Fokus zu verlieren. Daraus ergibt sich auch eine Schwäche des Werkes: Er nimmt sich keine Zeit dafür, glaubhafte und überzeugende Figuren zu zeichnen.


Die Wut der Außenseiter


Auch wenn, wie Murakami im Nachwort des Romans anmerkt, beinahe drei Jahre in die Recherche und Vorbereitung des Romantextes flossen, die meisten der vorkommenden Figuren stellen keine komplexe Charakterstudie dar. Sie erfüllen lediglich die Funktion, die Handlung aus einem bestimmten Blickwinkel heraus voranzutreiben und so die Komplexität des Beschriebenen zu veranschaulichen. So bleiben die Figuren eher eindimensionale Stellvertreter für eine bestimmte gesellschaftliche Sichtweise oder Stellung, und nur selten unterläuft Murakami dabei Erwartungen. Die koreanischen Geheimdienstmitarbeiter und Soldaten sind allesamt zielstrebig, unnachgiebig und kompromisslos. Sie erfüllen ihre Mission und schrecken dabei vor nichts zurück. Ihre Charakterisierung dient dabei der Funktion, das fehlende Selbstbewusstsein, die Trägheit und die mangelnde Entscheidungsfreudigkeit der japanischen Bevölkerung und ihrer Politiker zu verdeutlichen. Murakami arbeitet also wie so oft mit stereotypen Gegensatzpaaren, die er für seine Zwecke sehr konsequent einzusetzen versteht. Doch es wäre nicht Murakami Ryû, wenn er den Fokus nicht irgendwann doch auch auf die eher unwahrscheinlichen Randfiguren der Gesellschaft richten würde. Und so sind es wieder die Außenseiter, die dem Roman letztlich einen originellen Anstrich geben, auch wenn der Autor dabei auf für ihn altbekannte Muster zurückgreift.


Die literarischen Figuren, die erfahrenen Murakami-Lesern direkt bekannt vorkommen werden, sind die in die Jahre gekommenen (Ex-)Terroristen Ishihara und Nobue. Das liegt zum einen daran, dass es sich bei beiden tatsächlich um die Protagonisten eines früheren Romans, Shôwa kayô daizenshû 昭和歌謡大全集 (1994; Enzyklopädie der Schlagermusik der Shōwa-Zeit; engl. „Popular Hits of the Showa Era“, 2011), handelt: Die skurrilen Ereignisse eines von dem Autor auf die Spitze getriebenen Generationen- und Geschlechterkampfes werden in In Liebe, dein Vaterland nur beiläufig erwähnt, sie haben auch keine größere Relevanz für das Verständnis der Romanhandlung und, erstaunlicherweise, nicht einmal für die beiden Figuren selbst. Der Leser erfährt lediglich, dass Ishihara und Nobue eine selbstgebaute Bombe über Tôkyô abgeworfen haben, anschließend untergetaucht und so ihrerseits zu Legenden unter gesellschaftlich Ausgestoßenen geworden sind.


Nobue dient Murakami als Anknüpfungspunkt, als eine Art Einführung in diese vertraute und doch fremde Romanwelt. In der zweiten Hälfte des Romans verschiebt sich aber die Bedeutung eindeutig auf Ishihara, der in Fukuoka eine Gruppierung von (überwiegend jugendlichen) Außenseitern um sich geschart hat. Jeder dieser Außenseiter ist in irgendeiner Weise von seinem Umfeld misshandelt worden, niemand von ihnen wird einen Weg zurück in die Gesellschaft finden können: Sie sind Massenmörder und Amokläufer, Terroristen, „Satanisten“ und Gewalttäter. Im Wesentlichen unterscheidet sich die Gruppe nur wenig von der, die Ishihara und Nobue schon als Jugendliche um sich versammelten: Antisozial, bedingt lebensfähig, wütend und orientierungslos. Wertefreiheit wird von der Gruppe zum Ideal verklärt, man koexistiert miteinander, geht sich immer dann aus dem Weg, wenn es sein muss, und verbringt ohne Erwartung Zeit miteinander. Kein Druck, keine engeren Bindungen, keine Verpflichtungen. Das einzige, was diese Gruppe verbindet, ist ihre grenzenlose Wut, die sich ohne klares Ziel auf ihre Umwelt richtet. Einblicke in die Hintergrundgeschichten der Jugendlichen lassen den Leser schnell altbekannte Schuldige erkennen: die restriktive Gesellschaft, oft repräsentiert durch eine anteilnamslose, aber stets wertende und übermäßig fordernde Elterngeneration. Der Generationenkonflikt, der schon in Shôwa kayô daizenshû eine große Rolle gespielt hatte, ist auch hier wieder omnipräsent, und so ist es kein Wunder, dass sich auch diese Jugendlichen wieder um den anarchisch-charismatischen Ishihara sammeln.


Die Außenseiter sind in dem Roman das zweite Gegensatzpaar zur japanischen Gesellschaft. Doch anders als die nordkoreanischen Invasoren sind sie frei von Ideologie und Loyalitäten. Und so endet der Text schlussendlich in einer dann bald zu erwartenden Orgie der Gewalt: Die „Rettung“ Japans wird nicht durch eine auf einmal couragierte Bevölkerung herbeigeführt oder Politiker, die plötzlich in der Lage wären, harte Entscheidungen zu treffen, sondern durch eine Gruppe von dysfunktionalen gesellschaft-lichen Aussteigern. Sie ziehen gegen die Invasoren aus Nordkorea in den Krieg – nicht, weil sie darin eine Pflicht oder Berufung sehen, sondern, weil sie nun endlich einmal einen Anlass haben, in den bewaffneten Kampf zu ziehen, den sie, ohne es zu wissen, so lange herbeigesehnt haben.


Murakamis Blick auf die japanische Gegenwartsgesellschaft bleibt so gesehen grundpessimistisch. Dass es der Ishihara-Gruppe tatsächlich gelingt – wieder dient ein erfolgreicher Bombenanschlag als Mittel zum Zweck –, die nordkoreanischen Invasoren zurückzuschlagen und Fukuoka zu befreien (um sich dann wieder in den Untergrund zurückzuziehen), ist für Murakami, der seine Dystopie Coin Locker Babys noch in purer Zerstörung und Verzweiflung enden ließ, regelrecht erstaunlich. Konnte in bisherigen Texten am ehesten der Protagonist durch das Bild der Zerstörung ein Gefühl der Befreiung erlangen, so gibt es in Hantô no deyo nun eine Art Ausblick auf die Zeit „danach“.

Der Roman schließt entsprechend mit gleich drei Epilogen und sie machen deutlich, dass für alle Beteiligten eine Rückkehr zum Status Quo nicht möglich ist. Die Stadt Fukuoka ist von der Besatzung und den Kämpfen gezeichnet, und das Misstrauen gegenüber Tôkyô, das die Region sich selbst überließ, ist größer denn je. Gerüchte darüber, wer hinter dem Bombenanschlag in Fukuoka steckte, offenbaren den Argwohn gegenüber der eigenen Regierung und den Interessen der USA. Vielleicht schwingt sogar ein wenig Lokal-patriotismus mit, wenn Murakami Ryû die Spaltung Japans und die Ablehnung der Nachkriegspolitik der Regierung in Tôkyô so deutlich zeichnet. Die Wut und Sehnsucht nach einer ganz grundlegenden Veränderung – ein Thema, das letztlich schon Coin Locker Babys bestimmte – ist in In Liebe, dein Vaterland so explizit wie selten zuvor in einem Roman Murakamis.


Schon deshalb stellt der Text einen Meilenstein dar. Auch wenn der Autor nach bekannten Mustern vorgeht, er macht die Depression und den Pessimismus der frühen 2000er Jahre im japanischen Mediendiskurs deutlich greifbar. Nur „Hoffnung“ (kibô) für die Zukunft Japans, ein von Murakami in den letzten Jahren häufiger gebrauchter Begriff,[5] gibt es auch diesmal nur dann, wenn alle alten Strukturen schonungslos aufgebrochen und zerstört werden. Der schier unbändige Zorn auf das Gegenwartsjapan, das sich aus der Wider-sprüchlichkeit der japanischen Nachkriegszeit, nie abgeschlossene innerjapanische Konflikte,[6] die in den 1970er Jahren durch einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung überlagert wurden, stellen ein Grundmotiv in Hantô wo deyo dar und verleihen dem Text so eine gewisse Tiefe, die unter der explosiven und actiongeladenen Oberfläche schlummert.


Quellen


Chûjô Shôhei 中条省平 (1998): „Moratoriamu yarô kara puroretaria bungaku e. Kyûjûnen-dai

Nihon bungaku no henshitsu“ モラトリアム野郎からプロレタリア文学へ。九十年代日本

文学の変質 [Vom Moratoriums-Kerl zu einer proletarischen Literatur. Der Wandel der

japanischen Literatur in den 1990er Jahren]. In: J-Bungaku: ’90nen-dai bungaku mappu.

J文学:90年代文学マップ [J-Bungaku: Eine Karte der Literatur der 90er Jahre]. Tōkyō:

Kawade shobô shinsha 川出書房新社, S.76-79.

Gebhardt, Lisette (2015): „Babys mit Psychose. Ryû Murakamis Buch ‚Coin Locker Babys‘

entfacht ein trashig-brutales Endzeitspektakel im Japan der Bubble-Phase“. In:

literaturkritik.de, 6.10.2015. Link: https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=

21179 (letzter Zugriff: 13.02.2020).

George, Joseph (2013): „ The Future of Japan is ‘Very Dark,’ Says Ryu Murakami“. In:

Vice.com, 13.5.2013. Link: http://www.vice.com/read/ryu-murukami-about-north-korea-and-

the-future-of-japan (letzter Zugriff: 13.02.2020).

Giannoulis, Elena (2012): "Ryû Murakami". In: Munzinger Online/KLfG - Kritisches Lexikon

zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur, 1.3.2012. Link: http://www.munzinger.de

/document/18000000664 (letzter Zugriff: 13.02.2020).

Jungmann, Damian David (2019): "Japans letzte Hoffnung. Ryû Murakamis dystopischer

Nahzukunftsroman 'In Liebe, dein Vaterland'". In: literaturkritik.de, 23.05.2019. Link:

https://literaturkritik.de/murakami-liebe-dein-vaterland-i-invasion-japans-letzte-hoffnung-ryu-

murakamis-dystopischer-nahzukunftsroman-liebe-dein-vaterland,25670.html (letzter Zugriff:

13.02.2020).

––– (2016): Analyse zentraler Motive im literarischen Werk des japanischen Autors

Murakami Ryû am Beispiel repräsentativer Romane. Magisterarbeit an der Goethe-

Universität Frankfurt.

Murakami Ryû 村上龍 (2019): In Liebe, dein Vaterland II: Der Untergang. Wien: Septime

Verlag.

––– (2018): In Liebe, dein Vaterland I: Die Invasion. Wien: Septime Verlag.

––– (2015): Coin Locker Babys. Wien: Septime Verlag.

––– (2011): “Amid shortages, a surplus of hope”. In: New York Times, 16.3.2011. Link:

https://www.nytimes.com/2011/03/17/opinion/17Murakami.html

––– (2005): Shôwa kayô daizenshû 昭和歌謡大全集 [Eine Enzyklopädie der Schlager aus der Shôwa-Zeit]. Tôkyô: Gentôsha bunko 幻冬舎文庫.

Nakamata Akio 中俣暁生 (2002): Japanese literature after the Murakami-Revolution /

Bungaku: posuto-Murakami no Nihon bungaku.文学:ポスト・ムラカミの日本文学.

Tôkyô: Asahi shuppansha 朝日出版社.

Steinhoff, Patricia G. (2004): „Kidnapped Japanese in North Korea: The New Left

Connection“. In: The Journal of Japanese Studies 30,1 (Winter), S. 123-142.


[1] Im deutschsprachigen Raum lagen zunächst nur die beiden semiautobiografischen Romane Kagirinaku tômei ni chikai burû und 69 sixty-nine (1987; dt. „69“, 2000) in Übersetzung vor. Nach einer kleinen Reihe an Übersetzungen, die dem Thriller und gegebenenfalls auch dem Horror-Genre zuzurechnen sind – zu nennen sind hier die Romane In za misosûpu イン・ザ・ミソスープ(In the Miso-Soup, 1997; dt. „In der Misosuppe“, 2006), Piasshingu ピアッシング (Piercing, 1994; dt. „Piercing“, 2009) und Ôdishon オーディション(1997; dt. "Das Casting", 2013) –, erschien erst 2015 mit Koinrokkâ beibîzu コインロッカーベイビーズ (Coinlocker Babies, 1980; dt. „Coin Locker Babys“, 2015) ein Roman, der wie In Liebe, dein Vaterland dem Genre der Dystopie zugerechnet werden kann (vgl. Giannoulis 2012; Jungmann 2016). Eine Rezension des Werks von Lisette Gebhardt (2015) ist auf literaturkritik.denachzulesen. Link: https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21179(letzter Zugriff: 13.2.2020)

[2] Eine Besprechung des Romans In Liebe, dein Vaterland: Die Invasion (Jungmann 2019) findet sich auf literaturkritik.de. Link: https://literaturkritik.de/murakami-liebe-dein-vaterland-i-invasion-japans-letzte-hoffnung-ryu-murakamis-dystopischer-nahzukunftsroman-liebe-dein-vaterland,25670.html (letzter Zugriff: 13.02.2020).

[3] Bereits Ende der 1990er Jahre beschrieb der japanische Kritiker Chûjô Shôhei 中条省平den literarischen Trend, den gefühlten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niedergang Japans in der „Verlorenen Dekade“ literarisch zu verarbeiten, und prägte den Begriff der „proletarischen Literatur“ (puroretaria bungaku プロレタリア文学; Chûjô 1998: 77). Auch wenn Chûjô eine klare Zuordnung Murakamis zu diesem Genre mit der Begründung anzweifelt, dass Murakamis Protagonisten zumeist doch einer privilegierten Gesellschafts-schicht angehören würden, lässt sich die Hinwendung des Autors zu prekären Soziotypen, wie den Freetern (furîtâ フリーター), hikikomori ひきこもり und NEET (nîto ニート), u.a. in den Romanen In za misosûpu イン・ザ・ミソスープ (In the Miso-Soup, 1997; dt. „In der Misosuppe“, 2006), Rabu & poppu ラブ&ポップ (1996; Love & Pop) oder Kyôseichû 共生虫 (2000; Parasitenwurm) klar erkennen. Eine erste Sichtung Murakami Ryûs Literatur im Kontext der sogenannten Prekariatsliteratur in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre findet sich außerdem in Nach Einbruch der Dunkelheit (vgl. Gebhardt 2010: 75-88).

[4] Entführungen japanischer Staatsbürger durch den nordkoreanischen Geheimdienst seit den 1970er und 80er Jahren sind nachweislich dokumentiert worden. Erstmals räumte Kim Jong Il (1942-2011) 2002 die Entführung von 13 japanischen Staatsbürgern ein. Die Verwicklung der japanischen Linken, insbesondere der Roten Armee-Faktion (sekigunha 赤軍派), untersuchte die Japanologin Patricia Steinhoff (2004: 123-142).

[5] Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller und Fernsehpersönlichkeit ist Murakami seit den 1980er Jahren auch als Essayist aktiv. Seit den 2000er Jahren beschäftigt er sich intensiv mit wirtschaftspolitischen Zusammenhängen und den Folgen der „Verlorenen Dekade“. Gerade in seinen außerliterarischen Aktivitäten zeigt sich so ein gewisses Engagement, die in seinen Augen misslichen Zustände in der japanischen Gesellschaft zu verbessern. Seinem Pessimismus, den der Autor in Interviews immer wieder zu erkennen gibt (vgl. George 2013: https://www.vice.com/en_uk/article/vdyw9d/ryu-murukami-about-north-korea-and-the-future-of-japan), stellt er nun bewusst den Begriff der „Hoffnung“ entgegen, auch wenn dieser eine beinahe typische Wendung erfährt. Ganz explizit tut er das nur wenige Tage nach der Dreifachkatastrophe von Fukushima (vgl. Murakami 2011: https://www.nytimes.com/2011/03/17/opinion/17Murakami.html): Auch wenn der Meinungsartikel, den der Autor in der US-amerikanischen New York Times publizieren ließ, schon beinahe reaktionär daherkommen mag, wird auch hier einmal mehr deutlich, dass die von ihm beschworene Hoffnung (hope) nur dann existiert, wenn ein „weiter so“ unmöglich geworden scheint. „Hoffnung“ entsteht dort, wo bestehende gesellschaftliche, politische und auch wirtschaftliche Strukturen durch ein Moment der Grenzüberschreitung überwunden werden.

[6] In den 1950er bis 70er Jahren lässt sich eine ganze Reihe von Bürgerrechts- und Studentenbewegungen ausmachen, die Japans Verhältnis zur eigenen Kriegsvergangenheit, dem Zustand der japanischen Demokratie und der gesellschaftlichen Grundordnung im Kern verband. Erst mit der massiven Radikalisierung verschiedener studentischer Dachverbände und dem anhaltenden Terror durch radikale Splittergruppen ließ die Anschlussfähigkeit und Massenmobilität ab Anfang der 1970er Jahre deutlich nach.