Rezension "Alles über die japanischen Abjekte"
- lilenz
- 19. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Der Band „Abjekte Weiblichkeit. Transgressive Inszenierungen des Körpers in der Literatur von Kôno Taeko, Kirino Natsuo und Kanehara Hitomi“ – ein Beispiel für japanbezogene Gender Studies
von Lisette Gebhardt
Die von Anna-Lena Garnier verfasste Abhandlung widmet sich laut Titel den Körperinszenierungen in den Texten der bekannten japanischen Autorinnen Kôno Taeko, Kirino Natsuo und Kanehara Hitomi. Wer hier eine Erörterung des sprachlich-ästhetischen Vorgehens der Schriftstellerinnen erwartet, tut gut daran, der Zielsetzung des Buches größere Aufmerksamkeit zu schenken: Wie es der Titel mit Signalbegriffen wie „Abjekte“ und „transgressiv“ erkennen lässt, wendet sich die Verfasserin ihrem Material vorrangig auf kultur- und weniger auf literaturwissenschaftlicher Ebene zu: Der in der optisch ansprechend gestalteten De Gruyter-Reihe „Körper-Medien-Kulturen“ (Band 2) erschienene Beitrag zeigt sich also ganz den Gender Studies verpflichtet.
Im Zeichen des Abjekten
Dass man literarische Texte einmal nicht nur auf ihre Literarizität hin interpretiert, sondern sie als Quelle für Argumentationen hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse „lesen“ möchte und die Dinge im Sinne dieser Hauptagenda „herausarbeitet“, ist selbstredend legitim. Innerhalb der deutschsprachigen Japanologie gibt es bereits seit geraumer Zeit einschlägige Studien. Die Verfasserin der „Abjekte“ baut aber nicht so sehr auf Erkenntnisse aus der japanologischen Forschung im Bereich der sogenannten Frauenliteratur (joryû bungaku), sondern geht das Thema primär gendertheoretisch an. Dies hat im Kapitel „Theoretische Grundlagen“ eine längere Exkursion in die allgemeine Theorie und in die historischen sowie gegenwärtigen Genderdiskurse Japans zur Folge, nebst einer Engführung der Betrachtungen auf Schlüsselbegriffe hin. Das Abjekte stützt sich auf ein Konzept von Julia Kristeva und wird vor allem als Störmoment verstanden. Die Transgression meint einen Tabubruch: Anstelle von abjekter Weiblichkeit könnte man ebenso von subversiver Weiblichkeit sprechen, anstelle von transgressiver Inszenierung des Körperlichen auch von einem provokativen Arrangement.
Eventuell hätte eine reduziertere Theoriediskussion schnelleren Zugang zu den Textanalysen ermöglicht, zumal die Fachtermini (u. a. male gaze, female gaze, safe space, jouissance) und die von den gängigen Diskutanten (Freud, Lacan, Foucault, Bourdieu, Irigaray, Butler, Russo) geprägten Perspektiven des Körperdiskurses inklusive der in ihm vertretenen Ansichten von inhärenten Machtstrukturen zugunsten des Patriarchats immer weiter ergänzt werden. Ab Seite 44 erfährt man via Bezugnahme auf Kristevas The Powers of Horror Genaueres im Hinblick darauf, „inwiefern die Assoziation von Weiblichkeit und Abjektion zu monströsen Weiblichkeitsbildern in Literatur und Film führt und wie diese Darstellungen subversiv genutzt werden können, um bestehende Geschlechternormen infrage zu stellen“. Aufgerufen finden sich zudem Termini wie „liminal spaces“ oder Butlers „Unintelligibles“, um die angesprochene Sache zu konturieren – temporär etwas verwirrend. Gemeint sind „Erfahrungen, die außerhalb der gesellschaftlichen Grenze des Normativen liegen“. Die Verfasserin hält fest, Frauen würden nach Kristeva „kulturübergreifend durch ihre Reproduktionsfähigkeit mit dem Abjekten assoziiert“ und sie würden zu paradoxen Figuren, die „diszipliniert und marginalisiert werden“. Während sich von Garnier mit Referenzen auf Quellentexte und Sekundärtexte durch die schwierigen Argumentationen des Genderdiskurses kämpft, hätte man sich anstelle der periskopartigen Vermessungen des gendertheoretischen Körperdiskurses gleich eine direkte Anwendung der Konzepte auf die Texte der genannten japanischen Autorinnen gewünscht. Ab Seite 54 erfolgt einstweilen noch die generelle Sichtung von Gender und Körperlichkeit in der japanischen Literatur – mit „Fokus auf den Unterschieden in den Betrachtungsweisen männlicher und weiblicher Autor*innen“, ab Seite 60 eine historische Voraberkundung. Die Analysen zu Kôno Taeko, Kirino Natsuo und Kanehara Hitomi beginnen dann ab Seite 69.
Von der Gendertheorie zur Textsichtung
Die eigentliche Debatte zu drei Autorinnen und sechs Werken gestaltet sich bei von Garnier bemerkenswert konventionell. Gelungen ist in weiten Teilen die Textkommentierung, insbesondere wenn sie ins Detail geht wie bei Beobachtungen z. B. im Falle Kanehara Hitomis. Interessant ist dabei die doppelte Dynamik von Kontrolle, die in AMEBIC deutlich wird:
Einerseits steht Watashi unter der Kontrolle des male gaze, und andererseits sucht sie nach einem Weg, sich selbst vollständig kontrollieren zu können. Das kann als Wunsch gelesen werden, nicht erwachsen, d. h. keine Frau zu werden, sondern möglichst im körperlosen Zustand der shôjo zu verweilen. Lust darf sie nur in einem Zustand der Verwirrung empfinden, wobei diese Lust nicht durch Männer veranlasst wird, sondern aus ihr selbst entstammt.
Sorgfältige Recherchen erbringen im Fall jeder der Autorinnen eine nicht geringe Reihe von japanischen und westlichen Vorarbeiten, die die Verfasserin dezidiert nennt (neuerdings eine häufig zu vermissende wissenschaftliche Tugend) und ins materialreiche Literaturverzeichnis aufnimmt. Gerade die Fülle relevanter Aussagen der Sekundärliteratur birgt allerdings eine Problematik in sich, da diese kaum hierarchisiert und einer klar umrissenen These zugeordnet werden. So lobenswert die Auseinandersetzung mit dem umfangreichen Korpus der Gendertheorie und später mit den japanologischen Forschungen sein mag, ist dieser Punkt doch auch als gewisses Monitum anzumerken – dem Band wäre es sicher zugutegekommen, wenn man nur mit Termini und Einlassungen operiert hätte, die unmittelbar der eigenen Argumentation dienen. Finden sich nämlich in der Einleitung und im theoretischen Vorbau dieselben Dinge besprochen, die außerdem der textanalytische Hauptteil sowie das „Fazit“ zwangsläufig ein weiteres Mal aufgreifen, entsteht der Eindruck des Redundanten. Die Schlussbemerkung im sechsten Kapitel hätte insofern die ideale Einführung ergeben.
Fokussierung
Eine vielversprechende Aufgabenstellung ist in der Tat die komparatistische Sichtung mehrerer Autorinnen, d. h. der Vergleich etwa von Kôno Taeko mit Kirino Natsuo; dieser Kombination hatte im Übrigen die Japanologin Mina Qiao (beschäftigt sich mit japanischer Literatur unter den Vorgaben „Räumlichkeit“ und „Gender“) vor einigen Jahren eine Betrachtung gewidmet. Auf deren Ausführungen nimmt die Verfasserin Bezug, wenn sie das Masochismus-Konzept erörtert. Sie adaptiert dabei Qiaos Bestimmung eines „psychologischen Masochismus“, der von einem „sexuellen Masochismus“ zu unterscheiden sei. Hier und an anderer Stelle macht sich erneut der Aufbau der Arbeit bemerkbar, demgemäß erst im Abschnitt zur jeweiligen Autorin ein Forschungsstand erhoben wird – also relativ spät und getrennt in drei Teile. Nachvollziehbarer und für die Stringenz der Exegese sinnvoller wäre es wohl gewesen, unter Referenz auf die wesentlichsten Stimmen der japanologischen (u. a. Mae, Monnet, Qiao), der japanischen (Yonaha, Mizuta, Otomo) sowie der anglophonen literaturbezogenen Genderforschung (Mitsutani, Orbaugh, Roussel) – und unter Markierung divergierender Argumentationslinien und forschungsgeschichtlicher Entwicklungsstufen (des Leitthemas der Studie) – ein übergeordnetes Forschungsdesign zu entwerfen, mit dem man auch das innovative eigene Erkenntnisziel besser vermittelt hätte.
Japanbezogene Gender Studies und Literarizität
Die Schlussbemerkung enthält eine abschließende Verdeutlichung der Themen und Thesen:
In dieser Studie bin ich davon ausgegangen, dass die Geschlechterrollen in bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften sozial konstruiert sind, aber als natürlich wahrgenommen werden. Männer werden der öffentlichen Sphäre und der Erwerbsarbeit zugeordnet; Frauen komplementär dazu in der häuslichen Sphäre und Reproduktionsarbeit, weshalb die Rolle der Ehefrau und Mutter das hegemoniale Weiblichkeitsideal darstellt.
Unter der Überschrift „Female gaze und gendered narration“ ist ferner zu Kirino Natsuo noch einmal nachzulesen:
Kirino zeichnet Japan als ein düsteres, dystopisches Land („Bubblonia“), in dem Ungerechtigkeit herrscht und Menschen aufgrund von Geschlecht, Nationalität und sozialem Stand marginalisiert werden. Im wirtschaftsschwachen Japan um die Jahrtausendwende sind Frauen nicht mehr ausschließlich Mutter, sondern zusätzlich auch berufstätig und somit einer starken Mehrfachbelastung ausgesetzt.
An anderer Stelle heißt es zu Kirinos Roman Grotesque sowie zu Kanehara:
In Grotesque steht hingegen Körperkapital im Vordergrund; hier zeigt Kirino, dass dies eine oberflächlich mächtige, aber kurzweilige [sic!] Kapitalsorte ist. Noch hyperbolischer stellt dies Kanehara dar, die ihre Protagonistinnen sämtliche Ressourcen in die Vergeschlechtlichung ihrer Körper investieren lässt.
Gegen diese einfach gehaltene Rekapitulation ist an sich nichts einzuwenden. Diktion und Wortwahl, gleichsam einer neomarxistisch-feministischen Grundlagenlektüre entnommen, können jedoch von literaturwissenschaftlicher Warte aus gesehen der der Literatur als Medium innewohnenden Komplexität und Vieldeutigkeit kaum gerecht werden. Dort, wo der Jargon der Gender Studies an seine Grenzen gerät, beginnt das Territorium des Poetischen, das sich auf einer anderen Ebene einschreibt – und letzten Endes in einer ihm angemessenen Sprache zu erkunden wäre.
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