Rezension: "Gegen die symbiotische Strategie" (22. Juni 2021)

Updated: Jun 28

Gegen die symbiotische Strategie. Yukiko Motoyas lehrreiche Literarisierung des Gender Gap oder die Agency des Entropischen


Die Rezension ist im Original am 22. Juni 2021 auf Literaturkritik.de unter dem Link https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=28016 erschienen.
















"Yukiko Motoya (*1979) ist eines der japanischen Talente der sogenannten zero nendai-Ära, der an Künstlerpersönlichkeiten so reichen 2000er Jahre. In Japan wurde sie zunächst als Stückeschreiberin und Leiterin einer Theatergruppe bekannt, bevor sie sich auch als Verfasserin von Prosatexten bewährte. Motoya erhielt renommierte Preise in beiden Sparten. Wie ihre Kolleginnen Mieko Kawakami (*1976) oder Nanae Aoyama (*1983) und andere Autorinnen, deren Karrieren in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen, setzte sich Motoya viel mit dem Thema Liebe auseinander. Während sie den Tonfall variiert, bleibt sie dem Stil der japanischen Schriftstellerinnen insofern treu, als sie sich wie eine berühmte Vertreterin der Vorgängergeneration, Yôko Ogawa (*1962), auf dem Feld literarischer Phantastik (jap. „gensô bungaku“) bewegt und die Psyche ihrer Protagonistinnen erforscht. Probleme erwachsen der Heldin aus den Normen menschlicher Vergesellschaftung, aus den Mustern typisch landeseigener Paarbeziehungen sowie aus persönlichen Reifungsdefiziten und einem instabilen Seelenhaushalt. Den leicht gruseligen wie auch anheimelnden, ‚kafkaesken‘ Elementen sowie der ausgeprägten Eigenwilligkeit ihrer literarischen Welt ist es zu verdanken, dass man Motoyas meist geschlechterpsychologisch angelegte Analysen als reizvolle Literatur genießt und die im vorliegenden Band versammelten Texte eben nicht als epigonal bewertet.


Ihre Arbeiten setzen Entfremdungserfahrungen, die in den 1920er Jahren etwa der Schriftsteller Uchida Hyakken beispielhaft in seiner rätselhaften Prosa für den männlichen Helden formuliert hat, im zeitgemäßen Stil und für eine weibliche Fokusfigur um: Das Ich interagiert mit einem bedrohlichen Gegenüber, muss sich bizarren Übergriffen auf die Grundlagen seiner Existenz stellen – so z.B. der junge Gemüsehändler Paprikajiro in der ihm gewidmeten Erzählung. Die Hauptfigur wird gern von Dingen mit seltsamen Eigenleben belästigt, nachzulesen in „Ich rief Deinen Namen“. In dieser Episode irritiert der sich unablässig am Fenster bauschende Vorhang die kühle Chefin einer Werbeagentur, die ihren pathologischen Zustand noch mit dem Fachbegriff „Pareidolien“ benennt, bevor sie sich hüpfend aus dem wichtigen Meeting entfernt. Motoya erschafft immer wieder neue poetische Anleitungen zur Überwindung von Formvorgaben. Man könnte in aktueller Begrifflichkeit festhalten: Sie verleiht der Entropie eine Stimme.


Auszeit in der Selbstisolation

Die Geschichte „Die Hunde“ berichtet von der Auszeit der Protagonistin in einer winterlichen Berggegend. Hier fürchtet man sich offenbar vor Hunden, die Tiere sollen für das Verschwinden etlicher Bewohner der Ansiedlung verantwortlich sein. Die Einsiedlerin, die einer schöpferischen Tätigkeit nachgeht, hat in ihrer zugeschneiten Hütte schon längst mit den Hundewesen Freundschaft geschlossen und denkt nicht daran, diesbezüglich der Bürgerwehr im Tal Meldung zu machen. Als sie am Jahresende wieder in den Ort fährt, um Nahrungsmittel einzukaufen, entdeckt sie, dass sich niemand mehr im Dorf aufhält. Auch der Treffpunkt mit dem Freund, der ihr das Haus überlassen hatte, ist verlassen: „Auf dem Tisch, wo das Essen bereitstand, hatte sich Staub angesammelt.“ Sie erinnert sich, wie sie sich als Kind zu Weihnachten oft wünschte, in einer menschenleeren Welt aufzuwachen. Nun ist dieser Wunsch nach Isolation und Autarkie scheinbar Wirklichkeit geworden, allerdings um den Preis, dass der Protagonistin, die eine vom Freund zu ihrem Schutz hinterlassene Waffe nicht nutzen will, in der zoomorphen Winterlandschaft die endgültige Desintegration droht.

Vor psychischer Osmose wird gewarnt

Motoya erkennt also im Rückzug in die Einsamkeit, d.h. in der Gesellschaftsflucht, nicht unbedingt das probate Mittel, ein befriedigendes Leben zu führen. Auf der anderen Seite kann es, wie sie mehrfach und sehr anregend aufzeigt, für die psychische Gesundheit gefährlich sein, ganz auf einen männlichen Partner zu vertrauen. Wenn ihre Heldinnen sich bemühen, so zu sein, wie andere es wollen, erinnert dies an die deutsche Emanzipationsliteratur der 1970er mit ihren leidenden Frauen und den schweigenden, jeder Beziehungsarbeit abholden Männern. In Japan bestehen die antiquierten Verhaltensmuster fort. Schnell endet die Anpassung der Frau in Selbstaufgabe, die im Extremfall sogar die Ausmaße einer psychischen Osmose annehmen kann. Die Frau wähnt sich auf dem Weg des Glücks, indem sie sich stets der Gewogenheit des Partners versichert und eigene Bedürfnisse zurückstellt. Für ihn legt sie viel Bewunderung an den Tag, beurteilt sich und ihre Fähigkeiten zu seinen Gunsten kritisch, um in der Endphase schließlich alles nur noch genau wie der Mann zu machen, ja, völlig seine Gepflogenheiten nachzuahmen und in seiner Persönlichkeit aufzugehen. Mag der Partner in einer ersten Phase, in der er sich gern in der erhöhten Position des Lehrers sieht, seine Dominanz noch als Triumph empfinden, führt das Ungleichgewicht der Kräfte bald zu Frustrationen auf beiden Seiten. Veranschaulicht wird das havarierte Eheszenario amüsant in der ersten, titelgebenden Geschichte des Bandes „Die einsame Bodybuilderin“. Hier widmet sich eine vernachlässigte Frau plötzlich intensiv dem Muskelaufbau, um zu ihrer eigenen Identität zu finden und ein gesünderes Selbstbewusstsein zu erlangen.

Auch die längere Episode „Ehe mit einer fremden Spezies“ (im japanischen Original Irui konˈin tan) betont das Moment der Geschlechterdichotomie, die in ihrer Überkompensierung osmotische Angleichungen hervorruft. Gespenstisch verrutschen etwa die Züge des Mannes, Augen und Nase kopieren manches Mal die Formen des weiblichen Gegenübers, welches seinerseits in manchen Momenten die männliche Form nachbildet. Eine noch unheimlichere Verschmelzung bedeutet die „Schlangenkugel“, bei der sich zwei Schlangen vom Schwanz her auffressen, „bis zum Schluss nur noch ihre Köpfe eine Art von Kugel bilden“. In letzter Konsequenz „fressen sie sich ganz auf und sind weg“ – ein Gleichnis für die Ehe und eine Warnung an die Heldin der Geschichte, besser nicht der Illusion der Symbiose anheimzufallen.

Dr. Motoyas Kur für Mental Health

Die Texte von Yukiko Motoya, die japanischen Originalausgaben der Jahre 2012 und 2016 entstammen, sind charakteristische Beiträge der Heisei-Literatur mit ihrer Ausrichtung auf Lifestyle- und Psychodesign. Ihre Bezüge zu der seit den 2000ern florierenden ikikata-Strömung legt sie in der kurzen Erzählung „Q & A“, dem Portrait einer betagten Lebensberatungskolumnen-Schreiberin, offen. Die alte Dame gibt sich zuletzt völlig desillusioniert, empfiehlt den geneigten Leserinnen wärmstens, sich einen gutaussehenden Fahrradsattel als Partner zuzulegen. Die Redaktion schwärmt indes von einer Frau mit „hinreißendem“ Strahlen, der es stets perfekt gelungen sei, „Karriere und Familie miteinander zu verbinden“. Motoya ironisiert damit die Anforderungen des Medienmarkts an den zeitgenössischen Kreativen, aus kommerziellen Gründen bestimmte Lesererwartungen zu erfüllen – Anforderungen, an denen sie ebenfalls gemessen wird.

Für sich hat die Bestsellerautorin, die als „Darling der Medien“ gilt, wohl erkannt, dass sie gut daran tut, die Linien zu verfolgen, die die Copywriter der großen japanischen Werbeagenturen Dentsu und Hakuhodo für die Verlagswelt aufzeichnen. Zu diesen Trends zählt die „Mental Health“-Thematik. Eines ihrer frühen Werke, Ikiteiru dake de, ai (Love at Least / Wenn ich nur lebe, bedeutet das Liebe), das 2006 (das Jahr, in dem in den japanischen Medien die Prekariatsdebatte allgegenwärtig war) entstand, handelt von den psychischen Nöten der jungen Yasuko, die unter einer Erschöpfungsdepression, Hypersomnie und einer Neigung zum Hikikomori-Dasein leidet. Sie geht keiner Beschäftigung nach und ist von ihrem Freund Tsunaki, mit dem sie seit drei Jahren zusammenwohnt, in mehrfacher Hinsicht abhängig. Durchbrochen wird die Situation von der früheren Freundin Tsunakis: Sie dient als Katalysator und konfrontiert Yasuko mit ihren Problemen.

Die Einsame Bodybuilderin zeigt Motoyas Kunst. Während sie aus Gründen der Erfolgsorientierung Stoffe aufgreifen mag, die den Zeitgeist echoen, imprägniert sie ihre Texte mit dichteren Lasuren einer Kitsch und Konventionen abweisenden Schutzschicht aus Phantasie und Sprache. Ihre zentrale Botschaft ist die Deformation des Selbst im Kontakt mit anderen Individuen. Vor allem einen unüberbrückbaren Gender Gap gestaltet sie in immer neuen drastisch-befremdlichen Bildern. Am Ende wird die Frage adäquater Performanz in dem nihilistisch anmutenden, aber doch tröstlichen Gedanken aufgefangen, dass eventuell auf lange Sicht „keine Notwendigkeit“ bestehe, ein „menschliches Dasein aufrechtzuerhalten“.



Yukiko Motoya: Die einsame Bodybuilderin. Storys.

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.

München: Blumenbar 2021.

235 Seiten, 20 EUR.

ISBN-13: 978-3-351-05075-7