Rezension zu Mina Sakurais "Der Exmann"
"Mina Sakurai (*1974; 桜井 美奈) hatte ihre ersten großen Erfolge in Japan zu Beginn der 2010er Jahre, als sie mit dem Roman Kijikakushi no niwa きじかくしの庭 (2012; Der Garten des Fasanenfarns) den Dengeki Novel Prize gewann. Ebenfalls Beachtung fand Hei no naka no biyôshitsu 塀の中の美容室 (2018; Der Friseursalon hinter Gittern) mit der nachfolgenden Manga-Adaption, die beim 24. Japan Media Arts Festival den Exzellenzpreis in der Kategorie Manga erhielt. Seit 2023 ist sie Mitglied der Mystery Writers Association of Japan. Nusunde tabete haitemo 盗んで食べて吐いても (Auch wenn ich heimlich esse und mich erbreche) kam im Juli 2025 auf den Buchmarkt. Koroshita otto ga kaette kimashita 殺した夫が帰ってきました, auf Deutsch Mein ermordeter Ehemann ist zurückgekehrt, erschien im April 2021 und wurde im Juli 2025 als sechsteiliges Live-Action-Drama für den privaten Fernsehsender WOWOW verfilmt. Mit Der Exmann. Sie dachte, sie wäre ihn los liegt nun in deutscher Sprache eine erste Übersetzung des Texts vor. Die Übertragung ins Deutsche liest sich im Übrigen gut, anfangs stört es etwas, dass die Protagonistin ihren Ehemann siezt. Ihre emotionale Distanz hätte man sprachlich auch anders zum Ausdruck bringen können.
Mina Sakurais Exmann liest sich ein wenig wie die Light-Version eines Romans der bekannten Autorin Natsuo Kirino. An Kirino erinnert auf jeden Fall die Thematik der systemischen Gewalt gegen Frauen, auf die sich die Protagonistinnen gezwungen sehen zu reagieren. Bei Kirino erfolgt diese Reaktion spektakulär als Befreiungsschlag der jungen Hausfrau (in OUT; dt. Die Umarmung des Todes), die ihren spielsüchtigen und egoistischen Gatten mit dem Gürtel erwürgt, um ihn dann zusammen mit ihren Arbeitskolleginnen im Bad zu zerteilen. Sakurais Heldin Mana Suzukura stößt den Ehemann Kazuki vom Felsen – zu lange hat sie unter häuslicher Gewalt, Psychoterror und Ausbeutung gelitten. Beide Autorinnen beschreiben ein Japan, das ganz den Männern zu gehören scheint: Eine Frau ist abhängig von Geld, Schutz und sozialer Stellung, die ihr die Heirat gewährt, und insofern vom guten Willen des Hausherrn. Möglichkeiten zu einem freieren Leben bieten sich allenfalls in Gemeinschaft mit anderen Frauen, in der man Solidarität erfährt, gemeinsam einer Tätigkeit nachgeht und aufeinander achtet. [...]
Das Verwirrspiel um die authentische Biographie und vorgebliche Identitäten findet erst am Schluss des Romans eine überraschende Auflösung. Ein beschleunigendes Moment resultiert aus einer Reise nach Nordostjapan, wo Mana geboren wurde. Die Ereignisse um die sogenannte Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011, bei der viele Bewohner der betroffenen Städte auf höher gelegenen Orten Sicherheit suchten, erweisen sich als Schlüssel zu den Rätseln, vor die der Leser sich gestellt sieht. Zugleich statten der Szenenwechsel und der Rückblick in die Zeitgeschichte („Fukushima“) die überraschende Wende mit mehr Plausibilität aus."
Lisette Gebhardt für literaturkritik.de, 15. Oktober 2026

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