Japanische Familienstudien

Updated: Jun 15

Koreeda Hirokazus So weit wir auch gehen


Rezension Lisette Gebhardt (Mai 2020)


Zu den außergewöhnlichen Talenten japanischer Künstler gehört die sensible Betrachtung der Dinge bis in subtilste Details. Auch bei Koreeda Hirokazus 是枝裕和 (*1962) Ausarbeitung des Themas Familie in der literarischen Fassung von Aruitemo aruitemo ist dies der Fall. Liest man zuerst das Buch und sieht danach die ebenfalls 2008 veröffentlichte Filmversion, erscheint das rein sprachlich geschaffene Bild der Familie Yokoyama dichter, differenzierter und in seinen düsteren Anteilen überzeugender.


Vater Arzt, Sohn Freeter: Die Anatomie eines Gefälles


Geschildert wird eine Familienkonstellation in Auflösung und am Übergang zum 21. Jahrhundert. Der Vater hat Medizin studiert und praktizierte bis zu seiner Pensionierung als Allgemeinarzt mit eigener Praxis im Haus. Aus der traditionell durch Heiratsvermittlung geschlossenen Ehe gingen drei Kinder hervor: Junpei der älteste Sohn, die Tochter Chinami und Ryota, der zweite Sohn. Ryota berichtet als Ich-Erzähler aus verschiedenen Zeitebenen vom Schicksal der Familie Yokoyama. Er hat einen Abschluss von der Kunsthochschule sowie eine zusätzliche Ausbildung als Restaurator und – mit vierzig endlich geheiratet. Seine Frau Yukari, Kuratorin am Museum, bringt den zehnjährigen Atsushi mit in die Verbindung. Der Mann von Schwester Chinami ist Angestellter in einem Autohaus, das Paar Chinami und Nobuo hat zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter.


Den ersten Einblick in das Familienleben erhält man anlässlich eines hochsommerlichen Treffens der Kinder im Haus der Eltern nahe der Küste in Kurihama. Für Yukari bedeutet es den Antrittsbesuch, und sie ist entsprechend nervös. Ryotas Gefühlslage stellt sich ebenfalls als angespannt dar, da er momentan arbeitslos ist und diesen misslichen Umstand nicht unbedingt bekanntgeben möchte. Er leidet seit jeher an einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber seinem Vater. Mit einem Medizinstudium, eigenem Haus und Praxis repräsentiert das Familienoberhaupt das unbedingte Erfolgsstreben der japanischen Moderne. Leistung und Aufstieg bestimmten die Werteorientierung noch mindestens bis zum Ende der Shôwa-Ära. Für die Verwerfungen auf dem japanischen Arbeitsmarkt, wie sie nach dem Zusammenbruch der Seifenblasen-Wirtschaft nach 1989 entstanden, bringt der Vater nur wenig Verständnis auf. Ryota sah sich mit der Tatsache konfrontiert, dass es für Absolventen der Geistes- und Kulturwissenschaften zunehmend schwieriger wurde, gute Stellen zu finden. Er verbringt sein Berufsleben, früher zeitweise unterstützt von den Eltern, im Status eines Freeters, kündigte seinen letzten Job und ist um das Jahr 2000 auf der Suche nach einer lukrativeren Arbeit.


Während der prekäre Status des Ich-Erzählers eingangs offen angesprochen wird, liegen die Probleme der Yokoyamas viel tiefer. Die Familie hat eine entscheidende Beschädigung erlitten, als Junpei mit Mitte dreißig bei der Rettung eines im Meer Ertrinkenden selbst zu Tode kommt. Junpei war der früh designierte Nachfolger des Vaters, der den etwas weniger strukturierten Ryota nicht mehr beachtete – spätestens seit es klar geworden war, dass der ältere die medizinische Laufbahn einschlägt. Mit zunehmendem Alter von Vater und Mutter tritt deren Enttäuschung über die Durchschnittlichkeit ihrer verbliebenen beiden Kinder immer deutlicher hervor, eine Enttäuschung, die sich manchmal sogar als Bitterkeit artikuliert.


Alltägliche Kränkungen und der dunkle Schlamm im Fluss der Zeit


Mit der Pensionierung des Familienoberhaupts verändern sich allmählich die Machtverhältnisse – war der Vater, der als Arzt in der Umgebung viel Respekt und Ansehen genoss, lange „alles“ gewesen für Frau und Kinder, legt Ryotas Mutter bald eine beachtliche Gefühlslosigkeit an den Tag. Einerseits geschieht es dem autoritären Patriarchen recht, wenn ihm in seiner für Männer dieser Generation üblichen Hybris Contra geboten wird, andererseits ist das Maß an passiver Aggression, das dem Alten vonseiten seiner auf einer niedrigeren Bildungsstufe stehenden Frau entgegenschlägt, selbst für den vaterkritischen Ryota teilweise zu heftig. Seine Mutter scheint völlig desillusioniert vom Eheleben und trägt ihrem Mann unter anderem eine einstige Affäre nach – das Lied Blue Light Yokohama mit der Zeile aruite mo aruite mo repräsentiert diese Phase der Entzweiung. Ihre Gefühle sind ganz auf den verlorenen Sohn Junpei gerichtet. Koreeda beschreibt das Trauma der Mutter treffend als Wunde, die über die Jahre hinweg nicht geheilt ist: „Ihre Trauer war mit der Zeit in Gärung übergegangen und verfault, und sie selber hatte wohl gar nicht gemerkt, dass sie eine Form angenommen hatte, die es selbst für ihre engsten Verwandten schwer machte, Teilnahme zu empfinden.“


Nur in wenigen Dingen herrscht noch Einigkeit bei dem Ehepaar. Dazu zählt die Abneigung gegen den von Junpei geretteten Yoshio, der einmal im Jahr – bislang fünfzehn Jahre also – einen Dankesbesuch abstatten muss, um der Seele des Verunglückten seine Referenz zu erweisen. Besagter Yoshio ist eine Unglückgestalt, dick, hässlich und unbeholfen, im übrigen Freeter wie Ryota. Ihm war es nicht gelungen, die erhoffte Stelle in den Massenmedien zu ergattern, im Grunde hat er in der Erkenntnis seines begrenzten Potentials bereits als 25-Jähriger resigniert. Der peinliche Abgang des schweißüberströmten 100 Kilo-Mannes veranlasst den Vater zu dem giftigen Kommentar „Wegen so einem nutzlosen Kerl, ausgerechnet wegen so einem musste unser Kind …“.


Ryota quält die triste Atmosphäre im Haus. Er zeigt sich als hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, den gealterten Eltern beizustehen und dem Fluchtimpuls, sich fern zu halten. Er erkennt die Charakterschwächen der Senioren, während er sich zugleich mit seinen Versäumnissen und Unzulänglichkeiten selbst einer Überprüfung unterzieht. In die Beobachtungen werden die Schwester sowie seine Frau mit dem Sohn miteinbezogen. Wie die Kritiken zum Film festhalten, erreicht Koreedas Portrait einer Familie die Qualität eines Ozu Yasujirô oder, auf dem Gebiet des graphischen Romans, die eines Taniguchi Jirô. Die Stärke der Textversion von Aruite mo aruite mo ist die geschickte Strukturierung der Zeitebenen, die das unaufhaltsame Vergehen der Jahre und die erlöschenden Ambitionen der Menschen, die vom Zeitstrom mitgerissen werden, erfahrbar macht. Ryota, der sich einen Ewig-zu-spät-Gekommenen nennt, setzt der Vergänglichkeit seine Auslegung von Familie und Lebenssinn entgegen, letztlich auch die Fähigkeit, den Menschen mit einem größeren Wohlwollen zu begegnen, als es seinen Eltern möglich war.


Der ansprechend gestaltete Band mit schönem Coverdesign stellt eine Bereicherung in einer Bibliothek zeitgenössischer japanischer Literatur dar. Ein kleiner Wermutstropfen sind die Fußnoten: Im Falle von Begriffserklärungen verweisen sie zu oft nur auf das Glossar, obwohl man die Erläuterungen besser - ohne diesen lästigen Umweg - direkt auf der Seite beigefügt hätte. Im wesentlichen sehr flüssig zu lesen ist die Übersetzung des Texts. Kleinere Unstimmigkeiten sowie vereinzelt eine ungünstige Wortwahl beeinträchtigen die Lektüre nicht.


Koreeda Hirokazu: So weit wir auch gehen.

Aus dem Japanischen übersetzt, eingeleitet und mit

einem Glossar versehen von Reinold Ophüls-Kashima.

Eine Publikation der OAG Deutsche Gesellschaft

für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Tôkyô, 2020.

· ISBN 978-3-86205-126-7 · 150 Seiten, kt., EUR 18,-


Links:

https://www.youtube.com/watch?v=Id7tXouypEE (Filmtrailer Still Walking)


https://www.youtube.com/watch?v=pkQ9EJ7rk2E (Blue Light Yokohama; Ishida Ayumi)


https://de.wikipedia.org/wiki/Hirokazu_Koreeda (Wikipedia Artikel Koreeda Hirokazu)


https://www.muenchner-stadtmuseum.de/fileadmin/redaktion/filmreihen/2019_PH36/PDFs/PH36_53_Kore-eda_Hirokazu.pdf


https://www.iudicium.de/katalog/86205-126.htm (Koreeda im iudicium Verlag)