„Cat People“ in der Golden Gai. Neue japanische Katzenliteratur von Durian Sukegawa

Updated: Mar 16


Rezension Lisette Gebhardt (März 2021)


Es scheint, als hätten deutschsprachige Verlage die japanische Literatur neu entdeckt. Während man sich noch vor einigen Jahren eher scheute, einen japanischen Autor ins Portfolio aufzunehmen, wählen Redakteure heute aus dem fernöstlichen Content-Angebot gerne Titel der Unterhaltungsliteratur. Ein Trend der zeitgenössischen Literaturszene in Japan erfreut sich deshalb auch hierzulande einiger Popularität: „Katzenliteratur“ (jap. neko bungaku). Nachdem bereits Hiro Arikawas Satoru und das Geheimnis des Glücks sowie Genki Kawamuras Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden in Deutsch vorliegen, erreicht nun mit Die Katzen von Shinjuku von Durian Sukegawa der dritte Katzentext den deutschsprachigen Buchmarkt.



Ein Kulturort


Anders als in den vorgegangenen Werken, die in bibliotherapeutischer Manier das Trauma der Dreifachkatastrophe von Fukushima aufgreifen und von einem versöhnlichen Abschied aus dem Leben erzählen, schildert Sukegawa die romantische Begegnung zweier junger Außenseiter. Die Geschichte spielt in den 1980er Jahren, in der Phase des Wirtschaftsbooms. Zwischen Yamazaki, der seit seinem Studienabschluss den beruflichen Einstieg in den Kulturbereich sucht, und Yumeko, die in einer Karinka genannten Bar im legendären Vergnügungsviertel Golden Gai Getränke und Gegrilltes am Spieß serviert, entwickeln sich Gefühle.


Yamazaki hat künstlerische Ambitionen, verfasst aber als Mitglied einer Medien-Agentur nur Quizfragen für Fernsehshows – und nicht einmal diese anspruchslose Arbeit will gelingen, was ihn depressiv stimmt. Über Yumeko weiß er anfangs nicht viel. Er findet sie interessant, ebenso wie die Atmosphäre in der Kneipe, in der man „Hoppy“, einen Mix aus Bier und Reisschnaps, trinkt und „Katzenwetten“ abschließt. Der Besuch eines der traditionellen kleinen japanischen Trinklokale bedeutet immer das Eintauchen in einen sehr speziellen Sozialkosmos, der von den angebotenen kulinarischen Spezialitäten, vom Geschmack des Besitzers und von der Runde seiner Stammkunden geprägt ist. Man genießt den Schutzraum der Enklave, der Raum für Träumereien lässt. Der Kunde führt anregende Gespräche mit dem Master oder den Gästen, präsentiert seine eigene Persönlichkeit, findet im besten Fall Anerkennung unter Gleichgesinnten und transzendiert dadurch den Alltag mit seinen Verpflichtungen – es gibt jedoch auch in einer izakaya bestimmte Regeln der Distanzwahrung und des Schicklichen. Manche Kneipen pflegen das Erbe von Künstlern oder Schriftstellern und sind deshalb so etwas wie kulturelle Zentren im Bonsai-Format, deren Besuch früher sogar von Vertretern höherer Lehranstalten (Oberschule, Universität Tôkyô) empfohlen wurde.


Liebende unter einem unglücklichen Stern


Yamazaki beginnt das Karinka zu frequentieren, da ihm Yumekos verhaltene Art gefällt und er zudem ihre Katzenportraits schätzt. Die am Grill kulinarische Meisterleistungen hervorbringende Aushilfe hat über ein Dutzend feline Persönlichkeiten aus der Nachbarschaft gezeichnet – eine Übersicht der namentlich Bekannten hängt am Kühlschrank des Lokals. Stammgäste schließen Wetten ab, welche Katze als nächste ihr Gesicht am kleinen Küchenfenster des Karinka zeigt. Der als „Yama-chan“ titulierte Neukunde erfreut sich an der köstlichen Bratpaprika und hat Spaß an dieser kuriosen Unterhaltung. Zunächst erkennt er in Yumekos Katzenwette sogar einen brauchbaren Stoff für eine Sendung; im Grunde sehnt er sich danach, seinen prekären Status als Subsub-Schreiberling in der TV- und Rundfunk-Agentur, die sein erfolgreicher Mentor Nagasawa leitet, zu überwinden, um sich endlich wieder mit höherstehenden Kunstsparten wie Theater und Kurzfilm zu befassen. Ihm fehlt der Antrieb, riesige Publikumserfolge zu erzielen sowie Geld und Macht anzustreben. Sein vager Wunsch ist nur, Kreatives zu gestalten, das seine Wurzeln in Imagination und Poesie zugunsten des sogenannten Massengeschmacks nicht ganz verleugnen muss. Yamazaki verfügt allerdings über wenig Selbstvertrauen. Zum Teil ist dies auf einen körperlichen Defekt zurückzuführen – er leidet unter Farbfehlsichtigkeit, was in der Medienbranche einen Ausschlussgrund darstellt. Der junge Mann fristet bislang auf der Schattenseite der Bubble-Dekade sein Dasein, was ihn in die Nähe zu „Yume-chan“ rückt, die es offenbar auch nicht leicht hat. Als sie sich über die Sympathie für die Streuner von Shinjuku näherkommen, erfährt er, dass sie als Waise aufgewachsen ist. Obwohl sie sich zueinander hingezogen fühlen, wahrt Yumeko Abstand zu ihm, und so werden die beiden kein Paar.


In der Welt der Katzen oder traumatisierte Seelen


Sukegawas Geschichte lebt von der nostalgischen Rückschau auf die Shôwa-Ära, in der sich Kulturschaffende, Intellektuelle und andere emphatische Gemüter noch in den anheimelnden Refugien der alten Moderne bewegen konnten. Sie fanden dort eine geistige Heimat jenseits des aggressiven kapitalistischen Expansionsdrangs. Orte wie die Golden Gai atmeten den Geist einer scheinbar weniger oberflächlichen, kunstsinnigeren Vergangenheit. Die romantisierten Retro-Enklaven waren ihrerseits bereits gefährdet. Ihren Gästen drohte die behagliche Behausung bald entzogen zu werden, da Spekulanten schon Pläne mit dem aus ökonomischer Sicht nicht optimal genutzten Areal haben. Yamazaki wie auch Yumeko befinden sich in einem Moratorium, das es ihnen ermöglicht, in der Jugend erfahrene Verletzungen zu kurieren und auch aktuelle Atrozitäten zu bewältigen – aber nicht alles ist in dem Maße harmonisch, wie es die schönen Momente bei einem Besuch im Karinka vermuten lassen. Der Quizfragenschreiber wird von seinem ebenso jovialen wie auch diktatorischen Mentor unterjocht, das Mädchen am Grill muss ebenfalls einem älteren Gönner zu Willen sein.


Sehr nahe kommen die beiden sich bei dem nächtlichen Ausflug zu einem alten, leerstehenden Gebäude, das früher ein Love Hotel war. Die Bar-Angestellte füttert hier regelmäßig die Tiere. Viele Katzen treffen zusammen, als man bei dieser Gelegenheit Shinjukus Lichter bei Nacht betrachtet und sich im Mondschein gegenseitig Gedichte vorträgt. Die Szene belegt den Grad der Identifikation der Protagonisten mit den sensiblen, ihre Unabhängigkeit bewahrenden Tieren – es wirkt beinahe so, als hätten sie sich selbst in Katzen verwandelt: „Cat People“ in der Golden Gai.


Überleben in der Realität


Um in der harten Realität zu bestehen, genügt der Sinn für Poesie und eine tiefe Seelenverwandtschaft freilich nicht. Während Yumekos Flucht aus der Unfreiheit schwerwiegende Folgen hat, wendet sich auch Yamazakis Blatt. Am Ende der Geschichte – über zwanzig Jahre nach den Ereignissen sind bereits verstrichen – blickt der Ich-Erzähler auf die 1980er zurück.


Er sei damals dann nach Vietnam gereist, um seinen Horizont zu erweitern, habe seinen Weg weiterverfolgt und publiziere mittlerweile mit einiger Resonanz der Leserschaft Lyrik und Kinderbücher. Zudem arbeite er nebenher als zweite Kraft im Karinka, das wider Erwarten die Zeiten überdauerte und vom Sohn des ehemaligen Chefs betrieben wird. Yamazaki ist glücklich verheiratet und hat selbst einen Sohn. In der letzten Szene begegnet er seiner Jugendliebe wieder. Yumeko berichtet von ihrer Familie: Ihr Mann ist Koch, und sie wird an seiner Seite Japan bald verlassen, um in Istanbul in einem japanischen Restaurant zu arbeiten. Sie hinterlässt dem Lyriker ein letztes Katzengedicht, das ihm verrät, was die junge Yume-chan in dem jungen Yama-chan gesehen hat.


Nostalgie nach dem lebenswerten Leben


Wenn Durian Sukegawa im Jahr 2019 noch einmal das Flair der Golden Gai beschwört, zeigt dies, wie hoch man die Popularität der späten Shôwa-Ära als Nostalgie-Zone, mit der sich die Leser identifizieren können, einschätzt. Die Nachkriegsdekaden mit ihrer relativ guten wirtschaftlichen Lage und dem Zugewinn an bürgerlichen Freiheiten bilden eine mentale Sehnsuchtslandschaft, an die sich diejenigen, die diese Phase bewusst erlebt haben, wiederholt zurückerinnern wollen – also versprechen Produkte der Kreativindustrie, sprich Bücher mit diesem Thema, sich auf dem Medienmarkt zu behaupten.


Sukegawa gelingt mit seiner versierten neko bungaku die Repräsentation des Shôwa-Lifestyle-Designs in Perfektion. Er räumt im Rahmen einer textinternen kleinen Historiographie des Literarischen selbstreflexiv ein, dass sich Literatur bis zu einem gewissen Grad kommerzialisieren müsse, um bestehen zu können. Neben dem poetischen Odem benötige sie die Verfleischlichung im „genießbaren“, d.h. nicht sperrigen Wort – hier erhält die Metapher des Kochens ihre tiefere Bedeutung. Im Unterschied zu einer Yoshimoto Banana merkt der Autor innerhalb seiner die gesellschaftlichen Realitäten überbrückenden literarischen Phantasie auf einer zusätzlichen Reflexionsebene an, dass es für viele, die Wettlauf und Rivalität im plutokratischen System ablehnten oder aufgrund ihrer schlechten Ausgangslage im Spiel um die Plätze an der Sonne ohnehin keine Chance hatten, nie nur ein schönes Dasein war.


Wenn er schildert, wie sich heute im 21. Jahrhundert auch benachteiligte Existenzen noch verwirklichen können, um entweder in verbliebenen Retro-Paradiesen oder an fernen Orten im Ausland ihr Glück zu finden, fällt sein Text in den Bereich der „Fabelliteratur“ (gûwa). Dann erklärt es sich, warum die Geschichte im japanischen Original im Verlag Poplar, einem Verlagshaus, das in erster Linie Kinder- und Jugendliteratur herausgibt, publiziert wurde.


Durian Sukegawa: Die Katzen von Shinjuku. Roman.

Aus dem Japanischen von Sabine Mangold.

Dumont Verlag, Köln, 2021

272 Seiten, 20,00 EUR

ISBN 978-3-8321-8147-5