Rezension „Tamons Geschichte“

Zwischen Karma und Trauma Seishû Hase erzählt in „Tamons Geschichte“ von der langen Wanderung und den Wohltaten eines Hundehelden


Auszug: "Seishû Hase ist in Japan als Autor eines ‚dunklen Japans‘ und als Verfasser von Yakuza-Romanen bekannt. Während des Studiums arbeitete er im Nachtleben, genauer als Barmann in Shinjukus legendärer Golden Gai mit ihren mannigfachen, auf individuelle Vorlieben ausgerichteten Kneipen für Künstler und Exzentriker. Sein schriftstellerisches Debut hatte der Autor Mitte der 1990er Jahre [...]


Realistische, durchaus distanziert betrachtete Schilderungen zeitgeschichtlicher Ereignisse und sozialer Verwerfungen überlappen sich bei Hase mit religiös-phantastischen Elementen. Es ist eine gängige literarische Strategie, die beiden Ebenen zu etablieren, ohne einer der Erklärungsmöglichkeiten den Zuschlag zu erteilen. Ob es eine bewegende Geschichte ist, die der Verfasser erzählt, sei dahingestellt. Sie ist in ihrer zyklischen und doppelgleisigen Struktur jedenfalls professionell erzählt. Als Autor will Hase erkennbar den medialen Zeitgeist bedienen, der es vorsieht, den Rezipienten eine tröstliche Botschaft der Relativität zu übermitteln: Alle Menschen sind miteinander verbunden, Leben und Tod bilden ein Kontinuum – ein für Krisenzeiten typisches spiritualistisches Gedankenkonstrukt. Insofern korrespondiert der Roman mit der neuen Empfindsamkeit des Post-Corona-Cocoonings. Gegenwärtigen tierethischen Standards dürfte Hases Tamon-Entwurf kaum entsprechen. Der Hund wird nicht als autonomer Vertreter seiner Spezies geschildert, sondern erfüllt seine Funktion als ein auf einschlägigen Wunschvorstellungen beruhender Dienstleister für das menschliche Seelenheil."


Lisette Gebhardt für literaturkritik.de, 30. Mai 2022






















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